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Wie gefährlich ist Aluminium in Deos wirklich?

Wie gefährlich ist Aluminium in Deos wirklich?

Von Tister | 25. Juni 2026

Deo-Flasche im Supermarkt

Die meisten von uns tragen es täglich unter den Armen. Unsichtbar, geruchlos, allgegenwärtig. Aluminiumchlorohydrat — kurz ACH — ist die aktive Substanz in den meisten Antitranspirantien, die in Supermärkten Regal an Regal nebeneinander stehen. Das Deo- und Antitranspiranten-Markt wurde 2024 auf 34,6 Milliarden Dollar bewertet, der weltweite Vertrieb wird bis 2032 auf über 51 Milliarden Dollar prognostiziert. Aluminium-basierte Produkte dominieren das Geschäft.

Doch seit Jahren begleitet diese Substanz eine anhaltende Kontroverse: Die Befürchtung, dass Aluminium aus Antitranspirantien Brustkrebs oder Alzheimer verursachen könnte, hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung fest verankert. Trotz wiederholter Entkräftung durch wissenschaftliche Fachgremien.

Die Frage ist also berechtigt: Wie gefährlich ist Aluminium in Deos wirklich?

Was ist ACH — und was macht es?

Aluminiumchlorohydrat gehört zu den Aluminiumsalzen. Es ist der Wirkstoff, der dafür sorgt, dass ein Antitranspirant tatsächlich etwas bewirkt. Die Substanz löst sich auf der Haut, die Aluminiumionen reagieren mit den Elektrolyten im Schweiß und bilden vorübergehende Gel-Plugs in den Schweißdrüsengängen. Das Ergebnis: Die Schweißproduktion wird temporär blockiert — bis zu 25% Konzentration sind in der EU und in den USA erlaubt. Die Blockade ist reversibel, das heißt: sie legt sich nach ein paar Tagen ohne Anwendung von selbst wieder.

Einfach gesagt: ACH stoppt das Schwitzen. Nicht den Schweiß an sich, sondern den Austritt.

Warum Aluminium bedenklich sein kann

Bevor wir die Zahlen verstehen, eine wichtige Frage: Warum ist Aluminium überhaupt ein potenzielles Problem im Körper?

Aluminium ist das häufigste Metall in der Erdkruste. Aber das bedeutet nicht, dass es biologisch unbedenklich ist. Der menschliche Körper hat keinen physiologischen Bedarf an Aluminium. Es wird nicht metabolisiert, sondern muss über die Nieren ausgeschieden werden. In der Regel funktioniert das problemlos — 95% des aufgenommenen Aluminiums werden innerhalb von 48 Stunden über den Urin ausgeschieden.

Das Problem tritt auf, wenn die Aufnahme die Ausscheidungskapazität übersteigt oder sich Aluminium im Gewebe anreichert. Aluminium kann sich in Knochen, im Gehirn und im Nervengewebe ablagern. Dort kann es oxidative Stressreaktionen auslösen, die Freisetzung von Neurotransmittern stören und Entzündungsprozesse fördern. Die Verbindung zu Alzheimer ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt — die meisten großen Studien finden keinen kausalen Zusammenhang. Aber die Anreicherung in Knochen und Nervengewebe ist dokumentiert.

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat einen tolerierbaren wöchentlichen Aufnahmewert (TWI) von 1 mg Aluminium pro kg Körpergewicht und Woche festgelegt. Für einen 75 kg schweren Erwachsenen sind das 75 mg pro Woche. Dieser Wert umfasst alle Expositionsquellen — Nahrung, Wasser, Medikamente, Kosmetika. Alles zusammen.

Was sagt die Wissenschaft?

Der aktuelle Konsens der regulatorischen und wissenschaftlichen Gemeinschaft ist klar — und mit wichtigen Nuancen versehen.

Das Europäische Gremium für kosmetische Sicherheit (SCCS) bestätigte die Sicherheit von ACH in Gutachten von 2014 und erneut 2022. Keine Evidenz für Genotoxizität oder Karzinogenität bei den üblichen Expositionsstufen. Die US-Arzneimittelbehörde FDA stuft ACH als „sicher und wirksam” für rezeptfreie Antitranspirantien ein. Die American Cancer Society sagt: „Kein Nachweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen Aluminium in Antitranspirantien und Brustkrebs.”

Alles gut? Nicht ganz.

Die Bewertungen basieren im Kern auf einer einzigen Studie. Six Frauen. 25% ACH. Die sogenannte 26Al-Mikrotracer-Studie quantifizierte die perkutane Aufnahmerate.

Wie viel Aluminium landet wo?

Hier trennen sich die Wege: Was die Deo-Flasche verlässt, was die Haut berührt, und was tatsächlich ins Blut gelangt — das sind drei verschiedene Zahlen.

Auf die Haut: Ein typisches Antitranspirant enthält 10–30% ACH. ACH selbst besteht zu 20–22% aus reinem Aluminium. Bei einer typischen Anwendungsmenge landet also geschätzt 100 bis 500 Milligramm Aluminium pro Tag auf der Haut — manchmal mehr. Das ist die Dosis, die mit der Haut in Berührung kommt.

Schweißtropfen auf der Haut

Ins Blut: Von dieser aufgetragenen Menge gelangt nur ein winziger Bruchteil tatsächlich in den Körper. Die 26Al-Mikrotracer-Studie quantifizierte die perkutane Aufnahmerate auf 0,012%. Rechenbeispiel: Bei 200 mg Aluminium auf der Haut landen 0,024 mg im Blut. Das ist der tatsächlich absorbierte Anteil.

Im Vergleich zur Nahrung: Die tägliche Nahrungsaufnahme von Aluminium liegt bei etwa 5 bis 10 Milligramm. Das ist deutlich mehr, als aus dem Antitranspirant ins Blut gelangt (0,024 mg vs. 5–10 mg). Selbst wenn man den gesamten auf die Haut aufgetragenen Aluminiumgehalt (100–500 mg) zugrunde legen würde — das ist zwar mehr als die Nahrungsaufnahme, aber dieser gesamte Betrag wird nicht resorbiert. Der tatsächliche systemische Anteil aus dem Deo liegt deutlich unter dem, was wir täglich mit der Nahrung aufnehmen.

Die Absorption über die Haut hängt jedoch von der Beschaffenheit der Haut ab. Bei geschädigter Haut — etwa durch Micro-Läsionen nach der Rasur — kann sie erhöht sein. Das zeigte Pineau et al. bereits 2014.

Der falsche Fokus der Debatte

Die öffentliche Debatte fokussiert oft auf das falsche Problem. Brustkrebs und Alzheimer sind nicht das primäre Risiko. Die lokale Wirkung auf das Haut-Mikrobiom und die Hautbarriere ist das relevantere Thema — und wird in der Diskussion kaum beachtet.

Mikroskopische Zellstruktur

ACH ist deutlich saurer (pH 3,0–4,0) als viele andere Produkte auf der Haut. Dieser niedrige pH-Wert kann Hautreizungen begünstigen, besonders bei sensibler Haut. Die vollständige Inhibition des Haut-Mikrobioms durch regelmäßigen ACH-Gebrauch hat eine langfristige klinische Relevanz — aber niemand weiß, welche das ist. Studien fehlen.

Interessanterweise werben neue Produkte auf dem Markt explizit mit „nicht-disruptive zur natürlichen Bakterienbalance”. Ein stiller Acknowledge dafür, dass die Forschung in diese Richtung tatsächlich etwas liefert.

Die Marktbewegung: Qualifikation statt Panik

Während die öffentliche Debatte oft in Panik oder in Abtun der Risiken stecken bleibt, zeigt der Markt eine interessantere Entwicklung: Die Bewegung zu klinisch stärkeren Formulierungen mit ASCH (Aluminum Sesquichlorohydrate) statt des günstigeren ACH. ASCH ist klinisch wirksamer und besser verträglich als ACH. Das ist ein Qualitätsunterschied, keine Preissignalisierung. Hersteller wechseln, weil sie bessere Produkte anbieten wollen — nicht, weil die Regulierung sie dazu zwingt.

Natürliches Deo in der Hand

Gleichzeitig wächst das Segment aluminium-freier Deos um 10% jährlich. Ein klares Signal der Nachfrage.

Was bleibt?

Die wissenschaftliche Evidenzlage, die die regulatorischen Sicherheitsbewertungen stützt, ist schwach — aber sie ist aktuell noch die beste, die wir haben. Die geplante SCCS-Studie ist ein positiver Schritt. Bis dahin gilt pragmatisch:

Wer bei aluminiumhaltigen Antitranspirantien keine akuten Nebenwirkungen hat, ist mit der aktuellen Evidenzlage wahrscheinlich nicht falsch. Wer aber das Aluminiumrisiko minimieren möchte, hat mit ASCH statt ACH die bessere Variante — besser verträglich, bessere Datenlage, geringeres Risiko.

Und wer regelmäßig Antitranspirantien nutzt, sollte vielleicht gelegentlich eine „Mikrobiom-Pause” einlegen. Zwei bis vier Wochen Stopp, um die Hautbarriere zu schützen. Spray-Formulierungen sind ohnehin weniger empfehlenswert — die EU warnt explizit vor Inhalationsrisiken.

Die Debatte um Aluminium in Deos wird sich verändern, sobald die neue SCCS-Studie vorliegt. In zwei bis vier Jahren. Bis dahin bleibt die Lage das, was sie ist: keine akute Gefahr, aber auch keine ruhige Gewissheit.


Bilder (lizenzfrei via Pexels)

  1. PNW Production — Deo-Flasche (Hero)
  2. cottonbro studio — Schweißtropfen (Absorption)
  3. nam mau — Natürliches Deo (Marktbewegung)
  4. turek — Mikroskopische Zellen (Haut-Mikrobiom)

Quellen

  1. 1. Pineau et al. (2014) — If exposure to aluminium in antiperspirants presents health risks, its content should be reduced. Journal of Trace Elements in Medicine and Biology.
  2. 2. Becker et al. / CIR (2016) — Safety assessment of alumina and aluminum hydroxide as used in cosmetics.
  3. 3. Mandria et al. (2017) — A case-control study adds a new piece to the aluminium/breast cancer puzzle. EBioMedicine (The Lancet).
  4. 4. Teerasumran et al. (2023) — Deodorants and antiperspirants: New trends in their active agents and testing methods. International Journal of Cosmetic Science.
  5. 5. EU SCCS Gutachten 2014 und 2022.
  6. 6. FDA OTC Monograph — Antiperspirant Drug Products for Over-the-Counter Human Use.
  7. 7. EFSA Scientific Opinion on Aluminium (2008/2012).

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